| Zu matt, um mich am Ruf des Nachtvogels zu erfreuen - zu apathisch, um auf die freundlichen Zuwendungen der fürsorglichen Frauen zu reagieren, liege ich in der Ritualhütte des alten Schamanen in einem Shipibodorf am Ucayali, ein Flussabschnitt des peruanischen Amazonas. Um mich herum im Halbkreis hocken die Frauen der Großfamilie, bei der ich seit einigen Wochen zu Besuch bin. Mein Kopf liegt vor dem Schamanen, neben ihm sitzen seine Söhne, hinter ihm sitzt Tabak rauchend seine Frau.
Gestern Nacht kam ich gesund und voller Begeisterung über meine Erlebnisse zurück von einem Ausflug in den Bergdschungel. Heute Morgen erwachte ich im Zustand einer fast betäubenden Mattigkeit, wollte nicht aufstehen, nicht reden, nicht trinken und nicht essen. Es war, als ob alle Lebenskraft aus mir herausgeflossen sei. Besorgt über meinen Zustand wurde der Schamane gerufen und eine Heilzeremonie für diese Nacht festgesetzt.
Ich dämmere vor mich hin, nehme den Beginn der Zeremonie nicht wahr weder das feine Beblasen der Ayahuascaflüssigkeit, auch nicht das geräuschvolle Ausstoßen des Dschungeltabaks oder das glucksende Geräusch, das der Schamane beim Trinken der Ayahuasca macht.
Im langen Schweigen bis zur Wirkung der Ayahuasca sinke ich in einen kurzen Schlaf und schrecke hoch, als lautstark die kräftige Stimme des kleinen, alten Schamanen durch die Nacht vibriert. Er öffnet mit seinem Gesang die Türen zu dem Bewusstseinsraum in seiner Kosmologie, in dem die Geister der Pflanzen und Tiere zu Hause sind, mit denen er sich in seiner Heilarbeit verbindet. Mir sind diese Eingangsgesänge vertraut, sie hüllen mich beruhigend ein wieder falle ich in den Dämmerzustand zurück.
Schrille, fast unerträglich hohe Frauenstimmen reißen mich zurück in die Wirklichkeit dieser Hütte unter dem sternenfunkelnden Nachthimmel des peruanischen Amazonasgebiets. Sie bilden mit dem gleichzeitigen Gesang des Schamanen einen sich oft überschneidenden Wechselgesang. Chaotisch hört es sich an. Nun singt nur noch eine einzelne, hohe Frauenstimme. Irgendwie hört sie sich komisch an. Ich drehe meinen Kopf und versuche, in den Schattengestalten um mich herum den Schamanen auszumachen. Da sitzt er, rudert mit seinen Armen in der Luft herum, beschreibt Kreise und Linien, bewegt den Oberkörper hin und her kein Zweifel, er ist es, der mit dieser Kopfstimme singt!
Es wird eine lange Nacht, immer wieder schlafe ich ein, immer wieder von neuem verweben sich die dringlichen Gesänge des Schamanen mit den hohen, gesungenen Zwischenrufen der Frauen.
Als ich in der Morgendämmerung aufwache, liege ich immer noch auf der Matte in der Ritualhütte, sorgsam in viele Decken eingepackt.
Ich habe Durst und stehe auf. Mit dem ersten Sonnenstrahl kommt der Schamane mit seiner Frau und seinem ältesten Sohn zu mir, trinken einen Kaffee und begutachten meinen Zustand von viel Lachen und Witzen begleitet. Ich lache mit ihnen, auch wenn ich noch keinen Kaffee trinken kann, es geht mir viel, viel besser als gestern morgen!
Nach Kaffee und einer „mapacho“, gedreht aus dem schwarzen, starken Dschungeltabak, erzählt mir der Schamane, was er in der Nacht „gesehen“ hat:
„Ich habe gesehen, dass du an einem Wasserfall gewesen bist. Unter dem Wasserfall war ein tiefer Brunnen. Auf dem Grund dieses Brunnen wohnt die große Anakonda. Du hast sie durch deinen Besuch gestört. Deshalb hat sie dir einen „daño“ gemacht, einen Schaden. Du kannst von Glück sagen, dass dieser „daño“ nur deinem Körper geschadet hat, wenn er deiner Seele geschadet hätte, wärest du jetzt tot.“
Ich verschlucke mich bei seinen Worten am heißen Coca-Tee. Nette Aussichten, die mir der Schamane da eröffnet!
Er erklärt mir auch, warum die Frauen gesungen haben, was sonst bei einer Heilzeremonie nicht üblich ist, und warum er selber mit der hohen Kopfstimme gesungen hat: als er mich gestern Morgen in meinem Zustand sah wusste er, dass es für ihn eine schwere Zeremonie mit der Begegnung von starken Kräften werden würde. Bei so schwierigen Zeremonien braucht er die Unterstützung durch die Klang der Frauen, und er selber musste wie eine Frau singen. Nur so konnte er sich dem Geist nähern, der mich krank gemacht hat. Er konnte den Geist der Anakonda als Verursacher meiner Krankheit nur begegnen weil der Geist dachte, es wäre eine Frau, die singt. Diese Fähigkeit zur Begegnung hat aber nur ein Mann, der wie eine Frau singt.
Der Schamane schloss seinen Bericht mit den Worten: “Weil es die Anakonda war, die dich krank gemacht hat, werde ich dich heute Nacht mit dem icaro -der Anakonda heilen, mit ihrem Gesang.“
So geschah es: Ich wurde geheilt mit dem Lied der Anakonda.
Zwei Tage nach diesem Heilritual war ich wieder voller Lebenskraft, ich war gesund. Gesundheit im schamanischen Weltbild des Dschungelvolks: ein -Zustand des Gleichgewichts, in dem sich der Mensch im Verhältnis zu seinem eigenen Geist, seiner Familie, seiner sozialen Gemeinschaft, mit der ihn umgebenden Natur und mit den Geistern und Kräften des “Lebensursprungs” befindet. Der Verlust dieses Gleichgewichts bringt Leid und die Notwendigkeit der Wiederherstellung.
Diese “Wiederherstellung” liegt in den indigenen Völkern Amazoniens hauptsächlich in den Händen von Schamaninnen und Schamanen.
Der geistige Raum, aus dem heraus sie wirken, ist gewebt aus den vielfältigen Fäden eines Wissens, das auf Erfahrung beruht: Alles, was ist, hat eine besondere Energie und einen besonderen, eigenen Geist.
Jeder Geist von “etwas” hat einen eigenen Klang, hat sein eigenes Lied: alle Elemente, alle Lebenserscheinungen - Pflanzen, Bäume, Tiere, das Wasser, der Wind, die Erde, das Feuer. Und jeder Geist hat wiederum eine “Mutter” und einen “Vater.”
In der Heilzeremonie, wenn der Schamane durch die Liane Ayahuasca und die Pflanze Chacruna in den Zustand des “Sehens” versetzt wird, erkennt er in den Visionen nicht nur die Ursache der Krankheit.
Die „Mutter des Geistes“ der Ayahuasca redet mit ihm. Sie zeigt ihm nicht nur, mit welchen Pflanzen sie dem Patienten helfen können, sondern sie lehrt ihn auch die Lieder der Pflanze. Kennt man „das“ Lied oder auch mehrere Lieder einer Heilpflanze, so braucht man die Pflanze als materielles Lebewesen nicht zum Heilen, dann kann man mit dem Lied der Pflanze heilen, mit dem Klang ihres Geistes, ihrer Information.
Ein Schamane der Sikuani aus Kolumbien erzählte mir dazu: "Mein maestro heilt nur mit Gesängen. Er kennt 10 000 Lieder, die für 10 000 verschiedene Dinge wirken: zur Heilung von Krankheiten, für Glück und Liebe und Erfolg, zum Schutz vor der Absicht meiner Feinde, gegen neidische Blicke, zum Unsichtbarmachen, zum Nicht-Alt-Werden - diese Lieder wirken heilend auf alle Angelegenheiten der Menschen, die sich nicht in der Harmonie mit dem Kosmos befinden.“
Pflanzliche Heilgetränke und Diäten mit diesen Pflanzengetränken, Pflanzenaufgüsse als reinigende und anregende Waschungen oder Pflanzen verarbeitet in Tierfett zum Einreiben sind wichtige Bestandteile in der Heilarbeit der Schamanen.
Doch das mächtigste heilende „Werkzeug“ ist der Klang des Geistes der Pflanze, ihr „Lied“- der icaro, mit dem die Schamanen Amazoniens Heilung initieren.
Im icaro zentriert sich das Wissen und die Energie des Schamanen. Hörbar und somit sinnenhaft erfahrbar verwebt der Schamane über den Klang des icaro sein Resonanzfeld mit dem Resonanzfeld des Patienten. Es sind nicht die meist sehr einfachen Worte der icaro, die wirken. Es ist der Klang als Ausdruck einer bestimmten Energie, als hörbare Frequenz eines „Geistes“, der heilsam wirkt. Und es ist auch die wirkungsvolle Kraft der Absicht, mit der ein Schamane den icaro belegt und so die Richtung und Informationsübertragung im Resonanzfeld des Patienten lenkt.
Ihr Wissen und ihre Absicht übertragen die Schamanen Amazoniens über den Klang aber auch auf Objekte oder Arzneitränke: sie „icarieren“, beblasen Objekte und Arzneigetränke über ihren Atem mit dem icaro. Auf diese Weise erhalten sie bestimmte Eigenschaften, die dann vom Objekt auf den Empfänger übergehen: Schutz, Stärkung, Reinigung, Heilung aber auch Schaden.
Befragt, woher der Geist, der heilt, kommt, wurde mir von traditionellen Schamanen im Volk der Shipibo gesagt: diese Geister kommen nicht aus unserer heutigen Welt, sie kommen aus der Kraft der Natur, lange vor der Entstehung der Welt.
Tief berührt von dieser Aussage des alten Schamanen, der kein Wissenschafts-Wissen hat von den Theorien der Entstehung des Universums aus Schwingungen, fielen mir im Nachsinnen über diese Aussage gleich mehrer vertraute Aussagen von Wissenden der unterschiedlichsten geistigen Weltanschauungen ein:
- „Am Anfang war der Wind und der Wind war Klang.“
- Der Ton bringt alle Formen und Wesen hervor. Der Ton ist das, wodurch wir leben."
- „Und also war es der Klang, waren es Musik und Tanz, mit denen die Welt begann".
- „Alles ist eine Konzentration von Atomen, die tanzen, sich bewegen und Töne produzieren.“
- "Musik ist ein kleines Abbild der Harmonie des ganzen Universums.“
Wie gut, dass es in unserer Wissenschafts-Technik-Welt Messungen und Untersuchungen gibt! Vielfältige wissenschaftliche Untersuchungen haben in den letzten Jahren dieses Wissen um die Zusammenhänge und Auswirkungen von Resonanzfeldern „bewiesen.“ Bewiesen, was Menschen zu allen Zeiten alle schon immer wussten:
- Unser Körper ist ein schwingendes, sich kreativ immer neu ordnendes Resonanzfeld.
- Jede Schwingung, die auf unser Resonanzfeld trifft, trägt mit der Frequenz auch eine Information und hat Auswirkungen auf Atem, Herz- und Pulsschlag, auf Empfindung und Wahrnehmung.
Nicht nur Musik als hörbarer Klang ist Schwingung, auch Worte und Gedanken sind messbare Frequenzen, sind Schwingungen. Diese Schwingungen übermitteln Informationen die, ähnlich wie bei den icaros der Schamanen, nicht unbedingt etwas mit der Bedeutung von Wörtern zu tun haben. Es ist „der Ton, der die Musik macht.“ Die innere Haltung, der „Geist“, mit dem ich über die Stimme eine Aussage mache, bestimmt die Schwingung dieser Aussage, kann heilsam oder verletzend wirken.
Auch zu dieser Wirkung gibt es bei uns schon Untersuchungen und Tagungen: “Gewalt durch Sprache, Verletzung durch Worte.“
"Die Stimme kann einen Menschen krank machen oder ihn erheben. Sehr wenige Menschen in dieser Welt wissen, bis zu welchem Maß Erscheinungen durch die Macht der Stimme hervorgerufen werden können. Wenn es irgendeine wahre Spur von Wunder, von Erscheinung gibt, dann liegt sie in der Stimme." Hazrat Inayat Khan
Es ist der Klang, der die die Vielfalt von Lebensformen und Lebensqualitäten, die gute alte Schöpfung, sich immer wieder neu erschaffen lässt, in immer wieder neuen Klängen sich äußert, sich wandelt und erfährt. Klang ist es, der alle Wesen in ihren materiellen und nicht-materiellen Erscheinungsformen verbindet so wie der Gesang der Anakonda:
„Ich werde mich durch deinen Körper winden
um mit dir zu reden.
Du wirst mich in deinen Geist einlassen
um ihn zu erhellen.
Führe mich in dein Herz,
von dort aus werde ich dir Hitze geben.“
© Nana Nauwald 2006
Dieser Artikel erschien im Magazin „bewusster Leben“ 1/2007.
www.bewusster-leben.de
Literaturempfehlungen:
Nana Nauwald: Der Gesang des schwarzen Jaguar (Ullstein)
Nana Nauwald: Das Lachen der Geister (Ullstein, erscheint September 2007)
Nana Nauwald: Im Zeichen des Jaguar (O.W.Barth)
Nana Nauwald: Schamanische Rituale der Wahrnehmung (AT-Verlag)
Adelaars, Rätsch/Müller-Ebeling: Ayahuasca (AT-Verlag)
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