Schamanismus - eine Erfahrungswissenschaft

Schamanismus - die Szenerie boomt: Seminare - Kongresse - TV-Dokumentationen - Bücher - Zeitschriften: was macht Schamanismus so "trendy"?



Das hat sich der ehrwürdige Avvakum, ein Mönch der russisch-orthodoxen Kirche, sicher nicht träumen lassen, dass seine Beobachtung der "seltsamen" Heilrituale beim Volk der Evenki in Sibirien noch Jahrhunderte später auf so grosses Interesse stossen würden: 1652 beobachtete der in die Taiga zu dem Volk der Evenki zwangsversetzte Mönch die Heilrituale der Evenki. Diese Rituale wurden von Männern oder Frauen ausgeführt, die in der Gemeinschaft in hohem Ansehen standen und "saman" genannt wurden. "saman" - die, die mit Feuer arbeiten.
Über die russische Sprache floss dieser Begriff als "Schamane" in die europäischen Sprachen ein und wurde in den letzten hundert Jahren im Wort "Schamanismus" zu einem übergreifenden Wissenschaftsbegriff für alle kulturellen und religiösen Phänomene, die von "westlichen" Ethnologen in indigenen Kulturen beobachtet wurden.

Allen wissenschaftlichen Einordnungsversuchen zum Trotz ließ und lässt sich "der" Schamanismus jedoch in keine Katalogisierungsschublade einsperren, denn es gibt ihn nicht, "den" Schamanismus.

So unterschiedlich die Kulturen dieser im Weltbild des Schamanismus lebenden Ethnien waren und immer noch sind, so vielfältig war und ist auch die Erscheinungsform des Schamanismus. Vielfältig sind auch die Pforten, durch die SchamanInnen die Welten des Bewusstseins betreten, vielfältig die Bezeichnungen für diesen "besonderen Menschen", den "von oben Behauchten".

Diese Vielfalt wurzelt in einem Grundgewebe, aus dem heraus sich alle Erscheinungsformen der schamanischen Weltsicht entfalten:

  • Das Gefüge der Ordnung unserer Welt ist in mehreren Ebenen verankert, denen je nach im Schamanismus lebender Ethnie unterschiedliche Lebensqualitäten zugeordnet werden. Diese Ordnung gliedert sich in drei Welten auf: die Unter-, die Mittel- und die Oberwelt.
  • Diese drei Welten sind durch die Achse eines Weltenbaums miteinander verbunden. Der Weltenbaum ist der der Baum des Wissens, dessen Früchte die Kraft der Erkenntnis in sich bergen. Er ist eine "Informationsachse", die von SchamanInnen willentlich zum Wohle des Einzelnen und somit zum Wohle der Gemeinschaft bereist werden.
  • Diese willentlich durch Trance, Konzentration, Klänge oder entheogene Pflanzen induzierte "Reisen" führen in "parallele" Bewusstseinswelten, in denen alle Informationen, alle Möglichkeiten an Antworten und Einsichten gespeichert sind.
  • Alles, was ist - sichtbar oder nichtsichtbar- hat einen "Geist" und ist miteinander verwoben. So ist auch der Mensch ein Teil dieses lebendigen, sich ständig neu erschaffenden Lebensgewebes.
  • Bewahrer und Erneuerer des Wissens und Umgangs mit den geistigen Welten der Gemeinschaft , dem "Geist" und den "Geistern", ist ein durch besondere Berufung, besondere Begabung und Lernzeit ausgezeichneter Mensch.
  • Dieser "besondere Mensch", ein "von oben Behauchter" verfügt über die Fähigkeit zum willentlichen Wechsel von Bewusstseinszuständen und Wirklichkeiten, losgelöst vom Ego.

Aus diesen Grundgewebe heraus entfaltet sich die Erscheinungsform des Schamanismus immer wieder neu. Schamanismus ist kein starres System, ist keine Religion. Schamanismus, diese wahrscheinlich älteste Art die Welten zu ordnen, ist auch kein Glaubenssystem, sondern eine Erfahrungswissenschaft. (1)

In vielen Magazinen locken Anzeigen, in denen z.B. eine "Ausbildung zur Schamanin/zum Schamanen" angeboten wird, die Suchenden an. Versprochen wird fast immer das Erlernen "schamanischer Techniken" und vor allem der Erwerb des Titels "Schamane" in einem unserer Fast-Food-Gesellschaft entsprechender schnellen und freizeitgerechten Lernzeit.
Wochenend-SchamanIn? Sofa-Schamanismus? Instant-Schamanismus?

Erfreulicherweise ist "der" Schamanismus immer noch eine lebendige Kultur und somit in seiner mächtigen Wirkungsmöglichkeit, seinem geistigen Feld nicht auf Instant-Packungen zu reduzieren.
Allen Seminarversprechungen zum Trotz ist es immer noch so: Schamanin, Schamane zu sein ist eine Berufung, eine Begabung, die der "Gnade der Geister" bedarf sowie einer jahrelangen, entbehrungsreichen Lernzeit. Vor allem aber bedarf es der Verwurzelung in einer in der schamanischen Weltsicht lebenden Gemeinschaft, um in dieser Gemeinschaft die oft sehr ungeliebte und gefürchtete Arbeit der Schamanin, des Schamanen auszuüben.

Ich erachte es als ein Geschenk in einer Zeit zu leben, in der die unterschiedlichen Kulturen voneinander lernen. Ein Geschenk, das besonders im Schamanismus verbunden sein sollte mit den Begriffen "Respekt" und "Demut" gegenüber den indigenen Gemeinschaften, die uns den Zugang zu ihrem Wissen und ihren lebendigen Traditionen ermöglichen.

Die Sehnsucht in unserer Vereinzelungs-Gesellschaft nach einer Anbindung an das „Wissen der Alten“, in dem der Mensch eine von der universellen Lebenskraft nicht getrennten Einheit ist, ist groß. Dieses "immerwährende Wissen der Alten" gründet sich auf der Erkenntnis, dass alles, was ist - ob sichtbar oder nicht-sichtbar - miteinander in Beziehung steht und eine Wirkung aufeinander hat. Dieses "Wissen der Alten" um diese Wechselwirkungen im Schwingungsfeld alles Lebendigen ist aktuell wie nie zuvor, verkünden doch die Berichte viele Forscher aus den Bereichen der Naturwissenschaft immer häufiger von Beobachtungen dieser Wechselwirkungen.

Seit mehr als 20 Jahren bestimmen innere und äußere Reisen in die Welten des Schamanentums mein Leben. Wundersames habe ich erfahren, Unglaubliches gehört und gesehen.
Lange Zeit habe ich versucht, all dieses zu begreifen, zu erklären und zu begründen durch mir vertraute Denkmodelle. Zu einem wirklichen Verstehen des lebendigen Schamanentums indigener Völker haben diese Modelle mich nicht geführt.

Irgendwann, in einem nächtlichen Heilritual am Amazonas wurde mir klar, dass Schamanismus in seinen vielfältigen Erscheinungen durchaus in Erklärungsmodelle gepackt werden kann, dass es aber nur einen Weg gibt, ihn zu verstehen: durch eigene, direkte Erfahrung.
Und - wie es mit Erfahrungen so ist: Am Tiefgreifensten sind sie, wenn sie "aus erster Hand" gemacht werden, dort, wo es "normal" ist, dass man zum Schamanen geht, wenn das Leben "Schwierigkeiten macht".

Die Erfahrung dieses lebendigen, schamanischen Wissens in indigenen Kulturen half mir zu erlernen, die Filter meiner Wahrnehmung willentlich zu verändern und zu verfeinern. Das brachte unweigerlich mit sich, dass irgendwann in mir Sehnsucht und Neugier aufkamen, in unseren europäischen Kulturen nach Hinweisen auf dieses „Wissens der Alten“ zu suchen.

Versehen mit dieser neuen inneren und äußeren Wahrnehmungsbrille fand ich in archäologischen Funden, in Märchen, Mythen, Volksweisheiten und Bräuchen zahlreiche Hinweise auf die im Schamanismus wurzelnden Anfänge europäischer Kulturen:

  • Die altbekannte Frau Holle sah ich mit neuen Augen als die dreigestaltige Erdmutter, die "unter dem See", in der Unterwelt, die Seelen der Kommenden und der Verstorbenen hütet; die fruchtbarkeitsbringend, segnend und strafend durch die Mittelwelt schreitet und auf wildem Ross oder einer Gans hoch durch die Lüfte saust.
  • Tonrassel in Vogelform als Grabbeigaben in verschiedenen Gegenden Deutschlands, um die 3000 Jahre alt.
    Trommeln aus Ton in Steingräbern der Lüneburger Heide, zwischen 5.000 und 6.300 Jahre alt.
  • Volksbräuche in den Zeiten der "Rauhnächte" und der "Fasnacht", die vom Umgang mit den nichtsichtbaren Kräften auch heute noch erzählen.
  • Die auf den Rhythmus der Natur sich beziehenden Jahreszeitfeste mit ihren Bräuche.
  • Plätze und Gewässer in der Landschaft, die immer noch von besonderer "Kraft" sind für die, die sich ihnen mit wachen Sinnen zuwenden und einen Zugang öffnen können zu den sich auf die Natur beziehenden Ritualen der "Alten".
  • Abbildungen, die Menschen im einem wahrscheinlich nicht-alltäglichen Bewußtseinzustand zeigen, wie z.B. der in einem Winkel von 37 Grad liegende "Vogelmann von Lascaux" (ca. 17.000 Jahre alt) oder die 32.000 Jahre alte Statuette der "Frau vom Galgenberg".
  • Darstellungen des Welten- und Gestaltwanderers Odin mit seinen beiden Raben auf nordischen Bildsteinen.
  • Tier-Mensch-Mischwesen, wie zum Beispiel der "Löwenmensch" aus einer Höhle der Schwäbischen Alb, der ca. 32.000 Jahre alt ist.

Sie alle erzählen Geschichten, die uns aus dem Brunnen der Erinnerung an die geistigen Welten und das Wissen unserer AhnInnen trinken lassen.
Sie erzählen vom Wissen unserer AhnInnen über die Möglichkeit einer grenzüberschreitenden Beziehung zwischen Menschen und Tieren, zwischen Mensch und Pflanze, Mensch und den Elementen Feuer, Erde, Wasser, Luft.

Mit "verändertem" Blick besehen, losgelöst von gewohnten Interpretationen und Zuordnungen, lassen sich in unserem europäischen Kulturerbe viele Hinweise finden auf das Wissen unserer AhnInnen um die Möglichkeit des Austauschs von Informationen und Energien ohne Verhaftung an Erscheinungsformen oder gewohnten Verhaltensmustern.


Was fangen wir an mit unserer Sehnsucht nach willentlicher Veränderung von Bewusstseinszuständen und Wirklichkeiten, der Sehnsucht nach Erfahrung unserer Einzigartigkeit in der Verbundenheit mit allen anderen einzigartigen Erscheinungen des Lebens, der Sehnsucht nach der Erfahrung der Wirklichkeit dessen, das alles, was ist, einen Geist hat? Wie kann dieser Sehnsucht auch in unserer Gesellschaft ein "zu Hause" gegeben werden, ohne dass wir "Indianer" spielen, Rituale anderer Kulturen kopieren?

Das Erfahren des Wissens der im schamanischen Weltbild lebenden Ethnien kann Brücken bauen, die uns ein neues Land betreten lassen: eine Wirklichkeit in der sich - gespeist von aus den in schamanischen Kulturen respektvoll erlernten Ritualen und Techniken - neue Formen, Inhalte und Begriffe unserer heutigen Lebensart entsprechend kreativ entfalten können.

Wie bei allen Prozessen des Wandels, der Reifung stehen die "geistigen Wanderer in den Welten des Schamanismus" nach langen Jahren des Imitierens und Erlernens "schamanischen Wissens" vielleicht heute davor, diese "alte Haut" in bester schamanischer Art abzustreifen. Nur so kann unserer eigenen Haut entsprechendes "Neues" wachsen, respektvoll gespeist aus den Erfahrungen in den geistigen Räumen indigener schamanischer Kulturen. So könnten wir eine "neue Wirklichkeit" im Gemeinschaftsleben und als geistigen Weg wachsen lassen, ohne uns Titel und Rituale aus den Schamanismus-Kulturen in schlechtester "westlicher Eroberer-Manier" anzueignen.

Reshin Nika, ein alter Schamane des Volkes der Shipibo am Oberlauf des Ucayali, Peru, sang in seinem Willkommenslied bei einem meiner Besuche:

"Ich bin kein berühmter Schamane,
die Leute sagen, ich sei es,
aber ich sage es nicht.
Sie ist in unser Dorf gekommen.
Wenn sie kommt, sind wir fröhlich und singen für sie.
Von der anderen Seite des Ozeans, von dort kommt sie.
In einem Kolibri aus Metall
der sich erhebt mit dem Klang "ron"
kommt sie."

Zurück in der Lüneburger Heide, unter dem hohen Nachthimmel des Nordens, habe ich mein Dankeslied an ihn und seine Gemeinschaft über die Milchstraße geschickt, die bei den Shipibos "der Weg des Hirsches" genannt wird. Und in dieser Nacht vernahm ich den Willkommengesang des Windes, der alle Informationen über das Alte, das Bestehende und das Neue in sich trägt, in seinem Klang verwirbelt und immer wieder neu zusammensetzt.


"Winde der Zeit, Winde der Vergangenheit,
Eure unsichtbaren Strahlen umspülen mich,
Dringen in mich und bringen das längst Vergangene zurück....
Sie gehen in mich ein, sie heben mich hoch,
Und ich gehe durch den Rauchabzug...."(2)

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