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Ein neuer Blick auf schamanische Rituale Von Nana Nauwald |
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Es war das Bild eines sich zum Herzen hin, nach links, drehenden Mönches in einem strahlend blauen, weiten Rock auf einem Fest im Königreich Bhutan, das beim morgendlichen Lesen der Tageszeitung meinen Tee kalt werden ließ.
Ich schnitt das Bild aus und legte es auf den Stapel mit den Recherche-Notizen für mein neues Buch über schamanische Rituale für Schutz und Stärkung, Rituale des Wandels. Die mein eigenes Lebensgewebe bestimmenden Grundfäden sind gewirkt aus dem bewussten Auffinden und Leben mir entsprechender, kreativer, undogmatischer, heilsamer Wege im Einklang mit den Erscheinungen der Wirklichkeiten, in denen ich lebe. Diese Wirklichkeiten wurzeln in meiner Erfahrung, dass mein „Sein-Anteil“ eines nicht durch Glaubensrichtungen, Zeit und Raum begrenzten All-Seins ist, dass mein Geist Anteil ist am allen Sein zugrunde liegendem All-Geist. „Rituale besitzen die Macht, eine ansonsten nicht zu meisternde Welt in Ordnung zu bringen.“ Leben und Handeln inspiriert vom „Geist des Schamanismus“ besteht aus mehr als Trommeln oder Rasseln, aus mehr als dem heilsamen Umgang mit Gesängen, Räucherungen, Heilpflanzen, Geistern.
Authentisches und heilsames „schamanisches Arbeiten“ ist nicht möglich ohne die geistige Verankerung in einer Gemeinschaft und den Handlungs-Bezug auf Gemeinschaft. Auch kleine Gemeinschaften „auf Zeit“, für einige Stunden oder Tage, sind solche geistigen Ankerplätze. Von diesen Ankerplätzen aus kann das Lebensboot gefüllt mit wirksamem Handeln im Geist des Schamanismus die Meere des alltäglichen und des spirituellen Lebens heilsam durchqueren. Wir empfinden die Welt Im Moment der Empfindung sind wir nichts als Empfindung, sind im „Innen“, ohne Trennung von Körper und Geist.
Die Anlagen für diese hohe Qualität von Wahrnehmung tragen wir in uns, in unserem Körper, in den Sinnen und im Geist. Auch „echte“ Schamaninnen müssen lebenslang etwas dafür „tun“, diese Fähigkeiten zu entwickeln und zu stärken, um wirkungsvolle Heil-Rituale durchzuführen. Seit ich des Suchens müde war, Der Wind, mein Lehrer in so vielen Wahrnehmungserfahrungen und schamanischen Heilritualen. Ich handelte und reiste in das kleine, geheimnisvolle Königreich. Mein Weg zu den sich drehenden und springenden Maskentänzern hielt - wie es sich klassischerweise für jede findige Sucherin gehört - einige Hürden für mich bereit. Die höchste war 4.130 m hoch und wollte zu Fuß bezwungen werden, bevor ich mich als eine „höher Aufgestiegene“ dem Bann des scheppernden Klangs einer Musikgruppe von Mönchen und den sich dazu drehenden, wirbelnden ausdrucksstarken Masken und Gewändern hingeben konnte. Stundenlang hockte ich auf der Erde inmitten der festlich gekleideten Familien aus den umliegenden Dörfern. Hingabe an die Klänge und Bewegungen ohne zu denken und ohne zu urteilen öffneten mir das Tor zum „erkennenden Berührtsein“. Wie gut, dass ich die in der Landessprache Dzongkha erzählten Geschichten der Tänze nicht verstehen konnte! Der Kern dieser alten mythischen Tanz-Geschichten ist einfach und ist weltweit ein Kernthema menschlichen Lebens, nicht nur in den Mythen: die zerstörerischen und schadensbringenden Kräfte, die Frieden verhindern werden von den „guten Geistern“ bezwungen und zum Guten hin gewandelt. Bezogen auf das Leben des Einzelnen erzählen manche der Tänze sehr eindrücklich davon, dass jeder selbst über sein Schicksal entscheidet, die Verantwortung der Entscheidung für heilsame Wandlung liegt bei uns. Die Schwingung der Wirklichkeit Als ich gegen Abend den Innenhof der Klosterburg in Mongar verließ, vermischten sich die Impressionen: Mönchs-Maskentänzer tanzten in mir gemeinsam mit den Maskentänzerinnen im nächtlichen Maskentanz, den ich im Rahmen der Arbeit mit „Rituellen Körperhaltungen und ekstatischer Trance“ nach Dr. Felicitas Goodman seit vielen Jahren durchführe.
Wandel, Wandel, heilsamer Wandel... dieses kleine Lied wiegte mich später als Mantra in den Schlaf.
Die Art meiner „Wirklichkeiten“ erzählt davon, wie ich die Beziehungen zu „Welt“ herstelle, mit welcher Bedeutung ich sie belege, wie ich sie gestalte und wie ich sie lebe, diese Schwingung zwischen mir und dem, was außer mir ist. Diese Schwingung wirkt in mir und ich wirke in ihr. Sich dieser Resonanz bewusst zu sein und sie zu nutzen gehört mit in das Grundgewebe schamanischer Arbeit seit einigen Jahrtausenden, lange bevor Resonanz in den Blickpunkt von Philosophen, Physikern, Hirn- und Verhaltensforschern und Esoterikern geriet. Freiheit von Vorurteilen verleiht den Augen So begegnete ich mitten in der sehr hierarchisch gegliederten und männerorientierten Staatsreligion Buddhismus nicht nur mir selbst, sondern auch der Grundschwingung schamanischen Wissens, die auch eine Grundschwingung im nicht dogmatischen Sufismus und im nicht an Kirchenorganisation gebundenen Christentum ist: Wohl-Sein für alle empfindenden Wesen. Wind, der Meister der Wandlung In Bhutan heißt es: „Glücklich sein heißt: zu wissen, wie man miteinander lebt. Wir sprechen daher nicht von individuellem Glück. Wir sprechen von gemeinsamem Glück." Der alte Schamane Reshin Nika in „meinem“ Dorf im peruanischen Dschungel nickte zustimmend, als ich ihm diese Definition von Glück erzählte. „Das ist meine Arbeit“, sagte er. „Deshalb mache ich Rituale, damit die Menschen wieder ganz in sich selbst sind, dann können sie auch wieder ganz in der Gemeinschaft sein.“
Als ich ihm dann eine Reihe bunter Gebetsfahnen aus Bhutan gab und erzählte, dass dort Tausende dieser Fahnen im Wind flattern mit Wünschen für Frieden, Schutz und Segen für alles Leben und für das ganze Universum, hat er ernst die Fahnen mit Tabak beblasen. „Ich arbeite auch mit dem Wind“, erklärte er mir. „Mein Atem ist ein Wind, mit ihm vertreibe ich im Ritual die schlechten Kräfte. Der Geist des Tabaks reitet auf meinem Atem wie auf einem geflügelten Pferd, so kann ich heilen. Bei uns wissen wir auch, dass der Wind ein mächtiger Geist ist. Er kann alles verändern, kann Menschen krank machen und kann sie gesund machen“. Der Wind ist ein mächtiger Meister der Wandlung! Er ist in allen schamanischen Traditionen verbunden mit der universellen Lebensenergie, die in Allem ist. Er ist der schöpferische Atem, die Kraft, in der alle lebendigen Energien des Kosmos enthalten sind. Im Flussdschungel Perus heißt es: „Wenn ein starker Wind aufkommt, besonders in der Dunkelheit, dann wandern die Geister umher.“ Als ich dem alten Schamanen im peruanischen Flussdschungel auf seine Erwähnung des geflügelten Pferde hin erzählte, dass diese Fahnen auch die Bezeichnung „Windpferd“ haben, nickte er zufrieden und zündete sich eine neue mapacho an.
„Windpferd“ wurde die innere Kraft des Menschen in der alten schamanischen Weltsicht mongolischer Völkern genannt. Freundliche Schwingen des Windpferds In den alten Überlieferungen fast aller Kulturen wird der Wind als erste Ausrucksform des Schöpfergeistes angesehen. Auch in der Bibel ist der Begriff für den Anfang allen Lebens „ruach“: Geist, Wind, Nichtiges, Schnauben, Gesinnung, Gemüt, Atem, Hauch. Geist ist, was bewusst ist. Bis heute ist der „heilige Wind“ beim Volk der Navajo das wichtigste Element ihrer Weltsicht: Es war der „heilige Wind“, der den ersten Menschen Stärke verlieh und allem Sein, allen Wesen, Leben einhauchte. Der Wind brachte Bewegung und Veränderung in die Welt, über sein Tönen brachte er auch die Sprache zu den Menschen. Es ist der „heilige Wind“, der dem Kind im Leib der Mutter den Atem des Lebens schenkt. „Es gibt eine Kraft, die anders ist als die Kraft, mit der wir täglich leben. Es ist die Kraft die uns das Schweben lehrt, die es ermöglicht... wie Singvögel zu fliegen... und auf dem Wind zu reiten.“ Bunte Stoffe, belegt mit heilsamen Wünschen und Absichten, flattern nicht nur in buddhistischen Welten. Im Schamanismus, der ältesten uns bekannten Kulturform, flatterten und flattern in den wiedererwachenden schamanischen Kulturen Sibiriens Stoffstreifen an Quellen und Ritualplätzen. Der Wind vervielfacht durch sein Wehen die Wünsche und trägt sie so vervielfacht in die Welt. Bunte Bänder flattern heute bei uns in Deutschland an einigen öffentlichen „Wunschbäumen“ und an etlichen verborgenen Bäumen in unseren Wäldern.
Einige unserer alten Geschichten erzählen von Bäumen und Sträuchern als rituelle Orte der Wandlung, an denen Wünsche als Gaben für Wandlung dem Wind überlassen wurden. Schamanismus ein kreativer Erfahrungsweg Ach wie gut haben es doch Schamaninnen in ihren Traditionen und Gemeinschaften! Sie müssen sich weder den Kopf darüber zerbrechen noch müssen sie Erfahrungs-Versuchsreihe starten um herauszufinden, welche Worte, Klänge, Gesten und Ritualwerkzeuge für sie stimmig sind. Das begrenzende Gerüst von festen Traditionen hat neben der Einengung aber auch bestärkende und unterstützende Aspekte. Dieses Gerüst verleiht Orientierungs-Sicherheit im Umgang mit Geist und Geistern und erleichtert es, den eigenen Platz in den schamanischen Geist-Welten zu finden wenn man in diesen Traditionen lebt.
Und ich habe auch den großen Vorteil zu schätzen gelernt, in dem ich mich gegenüber den Traditions-Gemeinschaften befinde: ich kann mich für oder gegen geistige Wege und Welten entscheiden. Ich lebe nicht nur in einer äußeren multikulturellen Welt, ich lebe auch in einer geistigen multikulturellen Welt und kann meinen geistigen Lebensfluss aus vielen Schamanismus-Quellen speisen. Da sind die Quellen, aus denen ich in fremden äußeren und inneren Schamanenwelten trinken durfte und deren Wasser jetzt in mir fließt. Und da sind die Quellen und „Brunnen der Erinnerung“ hier in unseren europäischen Kulturen, in denen die „Hüter des alten Wissens“ immer noch lebendig sind und sich durch zunehmende Beachtung mehr und mehr an das geistige Tageslicht wagen. Dieser Artikel erscheint auch im Magazin Tattva Viveka, Februar 2010 |