Es war das Bild eines sich zum Herzen hin, nach links, drehenden Mönches in einem strahlend blauen, weiten Rock auf einem Fest im Königreich Bhutan, das beim morgendlichen Lesen der Tageszeitung meinen Tee kalt werden ließ.

drehender-moench-bhutanRitueller Tänzer auf dem Klosterfest in Tashigang, Bhutan.

Ich schnitt das Bild aus und legte es auf den Stapel mit den Recherche-Notizen für mein neues Buch über schamanische Rituale für Schutz und Stärkung, Rituale des Wandels.
Verwundert betrachtete mein Mann Bruno Martin den Zeitungsausschnitt. „Was hat denn ein buddhistischer Mönch in deinem Buch zu suchen?“
Ich las ihm die Bildunterschrift vor: „Beim jährlichen Tempeltanzfest in Trongsa drehen sich die Mönche zu den schnellen Schlägen einer Handtrommel nach links, um sich so von Geistesgiften zu reinigen.“
Da fand ich sie wieder, im Zentrum eines buddhistischen Rituals:
Einige der Grundfäden im Gewebe schamanischer Rituale: Geist, bewusste Wahrnehmung, Rhythmus, Bewegung, Bewegungsrichtung, energetische Reinigung, Wandel.
Heilsamer Wandel ist der Kern aller Rituale deren Anliegen es ist, dem Wohl aller empfindenden Wesen zu dienen – Menschen, Tieren, Pflanzen.

Die mein eigenes Lebensgewebe bestimmenden Grundfäden sind gewirkt aus dem bewussten Auffinden und Leben mir entsprechender, kreativer, undogmatischer, heilsamer Wege im Einklang mit den Erscheinungen der Wirklichkeiten, in denen ich lebe. Diese Wirklichkeiten wurzeln in meiner Erfahrung, dass mein „Sein-Anteil“ eines nicht durch Glaubensrichtungen, Zeit und Raum begrenzten All-Seins ist, dass mein Geist Anteil ist am allen Sein zugrunde liegendem All-Geist.
Das hört sich kompliziert und theoretisch an? Oh nein, diese erfahrene Erkenntnis ist sehr einfach – und wird immer einfacher und schnörkelloser, je länger ich meinen Lebensweg bewusst gehe.
Einfach, weil ich es mit meinen Sinnen – nicht mit Nachdenken, nicht über den Verstand – erfahren habe.
Es sind die vielfältigen Wirklichkeiten des traditionellen Schamanismus, aus denen sich nicht nur für mich, sondern für viele wache
„Bewusstseins-Findefrauen“ neue Räume entfaltet haben, der heutigen Lebenswirklichkeit in unseren nicht von lebendiger Tradition geprägten schamanischen Gesellschaften entsprechend.
Im frei wehenden Geist des Schamanismus ausgeführte Rituale können geschützte Räume erschaffen, in denen das eigene „Sein“ als Einklang mit sich und anderen Erscheinungen von „Sein“ erfahren werden kann.
Der absichtsvolle Kontakt zum Geist von Menschen, Pflanzen, Tieren, Elementen und nicht sichtbaren Energien ist der Kern heilsamer Rituale im Schamanismus.

„Rituale besitzen die Macht, eine ansonsten nicht zu meisternde Welt in Ordnung zu bringen.“
Peter Sloterdijk, Philosoph

Leben und Handeln inspiriert vom „Geist des Schamanismus“ besteht aus mehr als Trommeln oder Rasseln, aus mehr als dem heilsamen Umgang mit Gesängen, Räucherungen, Heilpflanzen, Geistern.

2-ritualmitte

Authentisches und heilsames „schamanisches Arbeiten“ ist nicht möglich ohne die geistige Verankerung in einer Gemeinschaft und den Handlungs-Bezug auf Gemeinschaft. Auch kleine Gemeinschaften „auf Zeit“, für einige Stunden oder Tage, sind solche geistigen Ankerplätze. Von diesen Ankerplätzen aus kann das Lebensboot gefüllt mit wirksamem Handeln im Geist des Schamanismus die Meere des alltäglichen und des spirituellen Lebens heilsam durchqueren.
„Verstehen“ von Ritualen ist nur möglich durch das eigene, bewusste Erfahren – nicht durch Lesen, nicht durch Filme, nicht durch Erzählungen oder durch Beobachtung.
Was immer wir auch erfahren – ob es uns geschieht oder wir es bewirken, verändert dann nur etwas in uns, wenn aus dieser Erfahrung ein bewusstes Erleben wird.
Er-Leben = im Leben leben.
Sonst geschieht, was so oft geschieht: wir machen immer wieder die gleichen „Fehler“, kommen nicht „weiter“, erstarren.
Bewusstes Erleben ist kein „Verstandes-Akt“, sondern entspringt aus einem Moment innerster Berührung, einem Moment der Erkenntnis.
Dieser Erkenntnismoment ist immer verbunden mit Empfindung. Empfindung ist keine „Gefühlsduselei“. Alles Lebendige fühlt, auch sogenannte niedere Lebensformen wie Bakterien und Einzeller, unsere Zellen und auch das Gehirn fühlt. Das behaupten nicht etwa nur einige seltsamen Esoteriker und ungebildete Schamaninnen in fernen Ländern, sondern auch Biologen wie Andreas Weber und Quantenphysiker wie Hans-Peter Dürr.
Unser unmittelbarer Zugang zum Erleben der Welt findet nicht über den Geist statt, sondern geschieht über die Sinne. Mein individuelles Bewusstsein, mein Geist, gibt dem Erleben seine Bedeutung.

Wir empfinden die Welt

Im Moment der Empfindung sind wir nichts als Empfindung, sind im „Innen“, ohne Trennung von Körper und Geist.
Erkenntnis beinhaltet, sich immer wieder sich neu zu gebären.
Im Französischen heißt Erkenntnis und Bewusstsein connaissance, gebildet aus con = mit und naissance = Entstehung, Geburt, also ein Erkennen, das unbelastet von Zuordnung staunend den Erscheinungen der Welten begegnet.
So wie das „Verstehen“ von Ritualen nur möglich ist durch das eigene, bewusste Erfahren, ist das Durchführen von Ritualen für sich selbst oder andere nur wirksam im egofreien Zustand veränderter, erhöhter und bewusster Wahrnehmung. Mit diesen Voraussetzungen können sich „Erkenntnis“, „Sehen“ und heilsames Wirken im Ritual entfalten.

3-feuerfrauDas Feuerritual der Rabenfrau

Die Anlagen für diese hohe Qualität von Wahrnehmung tragen wir in uns, in unserem Körper, in den Sinnen und im Geist. Auch „echte“ Schamaninnen müssen lebenslang etwas dafür „tun“, diese Fähigkeiten zu entwickeln und zu stärken, um wirkungsvolle Heil-Rituale durchzuführen.
Ich bin keine Schamanin, doch auch mein Anliegen ist es, heilsam für mich und andere zu leben. Wandel geschieht durch Handeln – Schamanen-Tun statt Schamanen-Tum.
Das Bild des sich mit der Absicht zum Wandel drehenden Mönchs im weit wehenden, bunten Rock beim rituellen Maskentanz in Bhutan ließ mir keine Ruhe.
Es ist nicht so, dass ich keine Erfahrung hätte mit der Technik des „sich Drehens“ als Zugang zum Schöpfergeist, als Zugang zum egofreien Zustand der Erkenntnis, ob im orientalischen Sufismus oder im brasilianischen Umbanda. Irgendetwas „anderes“ zog mich und ließ mich äußere und innere Grenzen überwinden, um zu „sehen“.
Heute weiß ich es: es waren nicht nur die im Schamanismus wurzelnden Maskentänze des alten Bön-Buddhismus, es waren auch nicht nur die geheimnisvollen Geschichten um ein „Shangri-La“, und es war nicht nur die Glücksformel der Zufriedenheit. Es war der Klang und die Bewegung eines hellen und sanften Windes, der mich rief – und ich folgte ihm.

Seit ich des Suchens müde war,
Erlernte ich das Finden.
Seit mir ein Wind hielt Widerpart,
Segl ich mit allen Winden.
Friedrich Nietzsche

Der Wind, mein Lehrer in so vielen Wahrnehmungserfahrungen und schamanischen Heilritualen. Ich handelte und reiste in das kleine, geheimnisvolle Königreich.

Mein Weg zu den sich drehenden und springenden Maskentänzern hielt – wie es sich klassischerweise für jede findige Sucherin gehört – einige Hürden für mich bereit. Die höchste war 4.130 m hoch und wollte zu Fuß bezwungen werden, bevor ich mich als eine „höher Aufgestiegene“ dem Bann des scheppernden Klangs einer Musikgruppe von Mönchen und den sich dazu drehenden, wirbelnden ausdrucksstarken Masken und Gewändern hingeben konnte. Stundenlang hockte ich auf der Erde inmitten der festlich gekleideten Familien aus den umliegenden Dörfern. Hingabe an die Klänge und Bewegungen ohne zu denken und ohne zu urteilen öffneten mir das Tor zum „erkennenden Berührtsein“. Wie gut, dass ich die in der Landessprache Dzongkha erzählten Geschichten der Tänze nicht verstehen konnte! Der Kern dieser alten mythischen Tanz-Geschichten ist einfach und ist weltweit ein Kernthema menschlichen Lebens, nicht nur in den Mythen: die zerstörerischen und schadensbringenden Kräfte, die Frieden verhindern – werden von den „guten Geistern“ bezwungen und zum Guten hin gewandelt. Bezogen auf das Leben des Einzelnen erzählen manche der Tänze sehr eindrücklich davon, dass jeder selbst über sein Schicksal entscheidet, die Verantwortung der Entscheidung für heilsame Wandlung liegt bei uns.

Die Schwingung der Wirklichkeit

Als ich gegen Abend den Innenhof der Klosterburg in Mongar verließ, vermischten sich die Impressionen: Mönchs-Maskentänzer tanzten in mir gemeinsam mit den Maskentänzerinnen im nächtlichen Maskentanz, den ich im Rahmen der Arbeit mit „Rituellen Körperhaltungen und ekstatischer Trance“ nach Dr. Felicitas Goodman seit vielen Jahren durchführe.

4-maskentanzSchamanischer Maskentanz als Teil der Methode „Rituelle Körperhaltungen“ nach Dr. F. Goodman

Wandel, Wandel, heilsamer Wandel… dieses kleine Lied wiegte mich später als Mantra in den Schlaf.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, tanzten sie alle immer noch in mir – und meine erste Empfindung war ein großes Staunen. Staunen ist der Anfang aller Erkenntnis. Ich erkannte, dass meine Hingabe an die Schwingung des rituellen Maskentanzes der Mönche eine neue Schwingung in mir aufgeweckt hatte. Sie fühlte sich hell und leicht und ohne begrenzende Form an.
Sofort setzte auch mein “verstehendes Wissen“ ein und ich war noch vor der ersten Tasse Tee mitten in meinem Lieblingsthema „Wirklichkeit und Schwingung“.

5-suspiritus-neu250„suspiritus“, 60 x 70cm, Gemälde von Nana Nauwald

Die Art meiner „Wirklichkeiten“ erzählt davon, wie ich die Beziehungen zu „Welt“ herstelle, mit welcher Bedeutung ich sie belege, wie ich sie gestalte und wie ich sie lebe, diese Schwingung zwischen mir und dem, was außer mir ist. Diese Schwingung wirkt in mir und ich wirke in ihr. Sich dieser Resonanz bewusst zu sein und sie zu nutzen gehört mit in das Grundgewebe schamanischer Arbeit – seit einigen Jahrtausenden, lange bevor Resonanz in den Blickpunkt von Philosophen, Physikern, Hirn- und Verhaltensforschern und Esoterikern geriet.
Verändere ich meine Wahrnehmung von „Welt“, verändere ich meine Beziehung zur „Welt“ – und somit meine Wirklichkeit.
Der Visionär William Blake hat einmal gesagt: „Ein jedes Ding, das geglaubt werden kann, ist ein Abbild der Wahrheit“. Dem füge ich hinzu: „Ein jedes Ding, das erfahren werden kann, ist ein Abbild der Wirklichkeit.“

Freiheit von Vorurteilen verleiht den Augen
Unterscheidungsgabe und Licht.
Ichbezogenheit hingegen macht blind
Und Vorurteile versenken das Wissen im Grab.
Wo kein Vorurteil herrscht, wird Nicht-Wissen zur Weisheit
Während Vorurteile das Wissen verdrehen.
Widerstehe also ihrem Zug,
Und dein Auge sieht klar.
Handelst du ichsüchtig,
So wirst du blind und ein Sklave.

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi

So begegnete ich mitten in der sehr hierarchisch gegliederten und männerorientierten Staatsreligion Buddhismus nicht nur mir selbst, sondern auch der Grundschwingung schamanischen Wissens, die auch eine Grundschwingung im nicht dogmatischen Sufismus und im nicht an Kirchenorganisation gebundenen Christentum ist: Wohl-Sein für alle empfindenden Wesen.

Wind, der Meister der Wandlung

In Bhutan heißt es: „Glücklich sein heißt: zu wissen, wie man miteinander lebt. Wir sprechen daher nicht von individuellem Glück. Wir sprechen von gemeinsamem Glück.“ Der alte Schamane Reshin Nika in „meinem“ Dorf im peruanischen Dschungel nickte zustimmend, als ich ihm diese Definition von Glück erzählte. „Das ist meine Arbeit“, sagte er. „Deshalb mache ich Rituale, damit die Menschen wieder ganz in sich selbst sind, dann können sie auch wieder ganz in der Gemeinschaft sein.“

6-haende-auf-steinenRitual zur Stärkung von Gemeinschaft

Als ich ihm dann eine Reihe bunter Gebetsfahnen aus Bhutan gab und erzählte, dass dort Tausende dieser Fahnen im Wind flattern mit Wünschen für Frieden, Schutz und Segen für alles Leben und für das ganze Universum, hat er ernst die Fahnen mit Tabak beblasen.

„Ich arbeite auch mit dem Wind“, erklärte er mir. „Mein Atem ist ein Wind, mit ihm vertreibe ich im Ritual die schlechten Kräfte. Der Geist des Tabaks reitet auf meinem Atem wie auf einem geflügelten Pferd, so kann ich heilen. Bei uns wissen wir auch, dass der Wind ein mächtiger Geist ist. Er kann alles verändern, kann Menschen krank machen und kann sie gesund machen“.

Der Wind ist ein mächtiger Meister der Wandlung! Er ist in allen schamanischen Traditionen verbunden mit der universellen Lebensenergie, die in Allem ist. Er ist der schöpferische Atem, die Kraft, in der alle lebendigen Energien des Kosmos enthalten sind. Im Flussdschungel Perus heißt es: „Wenn ein starker Wind aufkommt, besonders in der Dunkelheit, dann wandern die Geister umher.“

Als ich dem alten Schamanen im peruanischen Flussdschungel auf seine Erwähnung des geflügelten Pferde hin erzählte, dass diese Fahnen auch die Bezeichnung „Windpferd“ haben, nickte er zufrieden und zündete sich eine neue mapacho an.

windpferde-2Windpferde, traditionelle Darstellung aus Tibet

„Windpferd“ wurde die innere Kraft des Menschen in der alten schamanischen Weltsicht mongolischer Völkern genannt.

Freundliche Schwingen des Windpferds
zeigen Mitgefühl in diesem weiten Land.
Oh mein Schönes!
Die Schwingen des Windpferds zu sehen
erinnert mich daran,
wie weit die Erde ist
und wie weit meine Reise
Und wie ich mir wünsche, deine Schwingen zu nutzen.
Aus einem alten tibetischen Volkslied

In den alten Überlieferungen fast aller Kulturen wird der Wind als erste Ausrucksform des Schöpfergeistes angesehen. Auch in der Bibel ist der Begriff für den Anfang allen Lebens „ruach“: Geist, Wind, Nichtiges, Schnauben, Gesinnung, Gemüt, Atem, Hauch.

Geist ist, was bewusst ist.
Wind ist die aktive Energie,
die dieses Bewusstsein unterstützt.
Garma C.C. Chang, ein durch den Taoismus geprägter Buddhist

Bis heute ist der „heilige Wind“ beim Volk der Navajo das wichtigste Element ihrer Weltsicht: Es war der „heilige Wind“, der den ersten Menschen Stärke verlieh und allem Sein, allen Wesen, Leben einhauchte. Der Wind brachte Bewegung und Veränderung in die Welt, über sein Tönen brachte er auch die Sprache zu den Menschen. Es ist der „heilige Wind“, der dem Kind im Leib der Mutter den Atem des Lebens schenkt.
Deshalb werden bis heute die Neugeborenen den vier Winden vorgestellt, ihren „Wind-Eltern“. Diese schenken dem Kind einen „Kleinen Wind“, der in seinem Ohr versteckt, das Kind in seinem Leben leiten wird, damit es den Weg der Harmonie, den Weg der Schönheit gehen kann. So weiß ein Navajo von Geburt an, dass der kleine Wind, der in ihm wohnt, untrennbar verflochten ist mit dem „Heiligen Wind“, der in allem Leben ist, auch in dem Nichtsichtbaren.
Mir ist die folgende „Windsicht“ am nächsten: Es war der erste Wind, der sich im Rücken der tanzenden Großen Mutter allen Anfangs erhob und zum lebendigen Atem wurde. Dieser Atem hatte die Macht, lebendig zu machen und Lebendiges zu erschaffen. (‘spirit’ – Geist – kommt vom lateinischen Wort spiro, mit der Bedeutung „atmen“.)

„Es gibt eine Kraft, die anders ist als die Kraft, mit der wir täglich leben. Es ist die Kraft die uns das Schweben lehrt, die es ermöglicht… wie Singvögel zu fliegen… und auf dem Wind zu reiten.“
Anne Cameron in: „Töchter der Kupferfrau“

Bunte Stoffe, belegt mit heilsamen Wünschen und Absichten, flattern nicht nur in buddhistischen Welten. Im Schamanismus, der ältesten uns bekannten Kulturform, flatterten und flattern in den wiedererwachenden schamanischen Kulturen Sibiriens Stoffstreifen an Quellen und Ritualplätzen. Der Wind vervielfacht durch sein Wehen die Wünsche und trägt sie so vervielfacht in die Welt. Bunte Bänder flattern heute bei uns in Deutschland an einigen öffentlichen „Wunschbäumen“ und an etlichen verborgenen Bäumen in unseren Wäldern.

8-bucheWunschbänder an einer Buche

Einige unserer alten Geschichten erzählen von Bäumen und Sträuchern als rituelle Orte der Wandlung, an denen Wünsche als Gaben für Wandlung dem Wind überlassen wurden.

Schamanismus – ein kreativer Erfahrungsweg

Ach – wie gut haben es doch Schamaninnen in ihren Traditionen und Gemeinschaften! Sie müssen sich weder den Kopf darüber zerbrechen noch müssen sie Erfahrungs-Versuchsreihe starten um herauszufinden, welche Worte, Klänge, Gesten und Ritualwerkzeuge für sie stimmig sind. Das begrenzende Gerüst von festen Traditionen hat neben der Einengung aber auch bestärkende und unterstützende Aspekte. Dieses Gerüst verleiht Orientierungs-Sicherheit im Umgang mit Geist und Geistern und erleichtert es, den eigenen Platz in den schamanischen Geist-Welten zu finden – wenn man in diesen Traditionen lebt.
Doch was tun, wenn ich nicht ein Kind dieser von schamanischer Tradition geprägten Gemeinschaften bin? Wie finde ich zu den mir entsprechenden rituellen Worten, Klängen, Gesten?
Diese Entscheidungsfreiheit, sich den eigenen Weg kreativ finden zu können und die inneren Landkarten geistiger Welten „auf eigene Faust“ zu entdecken, birgt viele Verunsicherungen und Verirrungen in sich.
Meiner Sichtweise nach entspricht es dem Individualisten-Leben in unserer Gesellschaft, den eigene geistigen Weg durch bewusstes, lernbereites Erfahren von Richtungen und Qualitäten verschiedener Wegstrecken.
Der „eigene“ Lebensweg ist im Schamanismus nicht zu trennen vom Wege-Netz der Gemeinschaft von Menschen im gleichen Bewusstseinsfeld.
Als Angehörige einer von gelebtem Schamanismus in Gemeinschaften weit entfernten Kultur blicke ich sehnsüchtig auf diese Gemeinschaften. Doch mit Sehnsucht lässt sich längerfristig nicht heilsam leben, weil ich dann nie da bin, wo ich bin – sondern immer „woanders“. So habe ich nach und nach gelernt, bei „mir“ zu sein und in Gemeinschaften „auf Zeit“ mich bewusst mit „meinen Menschen“ zusammenzufinden.

9-frauen-mit-erhobenen-armenRitual zur Öffnung für Wandlung

Und ich habe auch den großen Vorteil zu schätzen gelernt, in dem ich mich gegenüber den Traditions-Gemeinschaften befinde: ich kann mich für oder gegen geistige Wege und Welten entscheiden. Ich lebe nicht nur in einer äußeren multikulturellen Welt, ich lebe auch in einer geistigen multikulturellen Welt und kann meinen geistigen Lebensfluss aus vielen Schamanismus-Quellen speisen. Da sind die Quellen, aus denen ich in fremden äußeren und inneren Schamanenwelten trinken durfte und deren Wasser jetzt in mir fließt. Und da sind die Quellen und „Brunnen der Erinnerung“ hier in unseren europäischen Kulturen, in denen die „Hüter des alten Wissens“ immer noch lebendig sind und sich durch zunehmende Beachtung mehr und mehr an das geistige Tageslicht wagen.
So habe ich die mir entsprechenden rituellen Worten, Klängen, Gesten gefunden: Ich habe mich von wissenden Menschen unterschiedlichster Schamanen-Praktiken mit in ihre Welten nehmen lassen, habe mich von ihren Bewusstseinswelten berühren lassen und mir Zeit genommen, diese Berührung in mir wirken zu lassen. Ich habe auf meine Empfindung geachtet: Welche Art von Ritualen tun mir gut, welche wirken anhaltend in mir nach? Welche „schamanischen Bewusstseins-Landschaft“ bleibt mir auch nach einer längeren Wegstrecke fremd, strengt mich an?
Auf meinem vielfarbigen Lebensweg habe ich erfahren: schamanische Rituale der Wandlung können über die bewusste Kommunikation von „Geist zu Geist“ Wirklichkeiten verändern. Die innere Absicht zum Wandel findet einen über die Sinne erfahrbaren Ausdruck im Ritual, indem ich bewusst mit dem kreativen, durch die Grundschwingung Liebe gekennzeichneten „Resonanzfeld Leben“ in Beziehung trete – durch Klang, Rhythmen, Räucherungen, Bewegung und die Unterstützung durch Pflanzen, Tiere und Menschen.
Ich hänge bunte Bänder in den Wind, drehe mich im Wind zum Herzen hin, singe mein Lied mit dem Wind – und reinige so immer wieder neu meinen Geist von störenden Elementen – wandle heilsam meine Wirklichkeit.

Dieser Artikel erscheint auch im Magazin Tattva Viveka, Februar 2010

Alle Texte & Grafiken © Nana Nauwald
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